Anmerkungen

Aus welcher Erzählperspektive schreibt mann einen Roman, der sich – bewusst aus männlicher Sicht – mit dem Tabuthema Vergewaltigung auseinandersetzt? Ohne in Vorurteile, in Klischees zu verfallen. Ohne das fabulöse Gut-Böse-Spiel zu wiederholen, das die Zustände zu ändern noch nie in der Lage war. Die zunächst gewählte Form, die Ich-Form, stellte vor ein Problem. Stephan, der Anti-Held dieser Geschichte, ist nicht der erläuternde Fachmann, der in spielerischen Exkursen die LeserInnen über die Abgründe der menschlichen Psyche hätte aufklären können. Er ist Täter und Erlebender zugleich. Und nur allzu oft handelt er, ohne das movens seines Handelns zu begreifen. In einer zweiten Bearbeitungsstufe wurde aus dem Ich-Erzähler dann ein „Er“. Das erlaubte eine größere Distanz, ohne allerdings seine Perspektive durch einen allwissenden Erzähler relativieren zu müssen.

Noch immer werden die LeserInnen gezwungen, zwischen den Zeilen zu lesen und von den altbekannten Klischees Abstand zu nehmen. Das ist keine heile Welt, in die die Lektüre entführt, auch wenn alles beginnt wie eine ganz normale Liebesgeschichte. Die vier Hauptpersonen sind Narzissten, krank an sich und der Gesellschaft, in der sie leben. Jeder der vier Protagonisten hat seine eigene Strategie, um der Wirklichkeit auszuweichen. Aber in ihren zum Scheitern verurteilten Versuchen sind sie Kinder ihrer Zeit, werden sie zu Prototypen in einer Welt ohne Mitleid.

Wie gesagt, oft bleibt den LesernInnen keine andere Möglichkeit, als zwischen den Zeilen zu lesen. Weil das nicht immer einfach ist, finden sich hier im Anhang ein paar Anmerkungen zu einzelnen Textstellen. Das soll kein Versuch sein, sämtliche Allusionen des Textes nun wieder zu dechiffrieren. Das Lesen und das Nachdenken, das Selber-finden und Beurteilen sollen Spaß machen. Warum also alles klein kauen und in den Einheitssumpf der Kommerzliteratur tunken. Aber die LeserInnen sollen nach beendeter Lektüre auch nicht das Gefühl haben, keinen Deut schlauer zu sein als Stephan. Denn dann hätten sie ebenso wenig begriffen wie er. Und das wäre, bei aller Liebe, fatal.

Seite 12: In Bezug auf die Doors, die Stephan und Suzanne im Radio hören, gibt sich Stephan naiver als er ist. Das freundliche Zitat „take a long holiday, let your children play“ stammt aus dem ansonsten gar nicht so freundlichen „Riders on the storm“, einem Song, den Suzanne ein paar Nummern zu düster findet, zumal das Wetter während der Fahrt der in der Musik skizzierten Stimmung nicht unähnlich ist.

Seite 13: Zur Erinnerung: Am Pont-Neuf ließ Stephan Suzanne aus dem Wagen aussteigen. Mag er noch so viel von der Schönheit der Seine schwatzen: Dass er sich ein Kino in direkter Nähe zu Suzannes vermuteter Bleibe aussucht, ist kein Zufall.

Seite 20: 1991, im Jahr des Romans, spielte Maria de Medeiros in Phillip Kaufmanns „Henry & June“ die Rolle der Anaïs Nin, den Prototyp der femme fatal. Leider ist sie seither in Deutschland kaum noch zu sehen gewesen. 1994 hatte sie in dem vom ZDF koproduzierten Fernsehfilm „Tres Irmaos – Geschwister“ der jungen portugiesischen Regisseurin Teresa Villaverde die weibliche Hauptrolle.

Seite 28: Stephan interessiert sich nicht die Bohne für Chansons. Das Lied „Dans ton lit”, das ich zitiere, ist ursprünglich für Juliette Greco geschrieben worden. Es stammt aus ihrem Album „La Femme” aus dem Jahr 1967. Das Lied beschreibt auf eindrucksvolle Weise die Ambivalenz, in der Suzanne steckt: Einerseits sucht sie die Nähe zu Stephan und sehnt sich nach ihm, andererseits will sie in Ruhe gelassen werden und hat Angst, von der Situation überfordert zu werden. Ich kenne kaum ein zweites Lied, das diesen Widerspruch so gut zum Ausdruck bringt wie “Dans ton lit” der Greco. Die im Roman zitierten Zeilen aus dem Lied lauten:

„Es ist ziemlich warm in deinem Bett
Unter der Decke aus Wolle
Mach das Licht aus, das mich stört
Und rück nahe zu mir heran, bitte“

Das klingt verführerisch und für Stephan ist damit alles klar, er schaltet seine Ohren auf Durchzug. Schade, denn das Lied endet: „je t’avertis… que si tu me touches, je crie“ (Ich warne dich: wenn du mich anfasst, schreie ich). Für Ambivalenzen fehlt dem Jungen das Feingefühl.
Eine englische Version des Liedes ist auf Youtube in der Fassung von Marc Almond abrufbar.

Seite 37: Suzannes Plattensammlung: Die kaum verhüllt religiösen Texte der „Prefab Sprout“ neben „Loosin’ my religion“ von „R.E.M.“, daneben Sting, auf dessen zitierten Album sich der „Englishman in New York“ befindet. „I’m an alien, I’m a legal alien…“ – das Lebensgefühl einer Französin in Hamburg. (s. auch Playlist)

Seite 54: Es wäre müßig, Suzannes Traum in seiner Symbolik hier ganz auszudeuten. Natürlich hat jedes Bild seine Bedeutung und Anhänger der Jungschen Schule können sich den Spaß machen, mit einem Traumlexikon an dieses Kapitel heranzugehen. Wesentlich scheint mir, dass sich Suzanne der Gefahr, in der sie sich befindet, durchaus bewusst ist. Sie hat Angst vor Bertrands Sexualität, auch wenn sie sich diese nicht eingestehen will. Im Traum verarbeitet sie die widersprüchlichen Impulse, löst sie aber nicht auf. Sie kann sich gegen den Traumfremden nicht wehren und flieht ins Erwachen.

Seite 67: Zeit, etwas über die Personennamen in diesem Roman zu sagen? Kader bedeutet im Türkischen so viel wie Schicksal. Dabei soll hier keineswegs Fatalismus gepredigt werden. Kader steht hier als Synonym für das, was Sartre als »Koinzidenz«, Camus als »das Absurde« bezeichnet.
Suzannes Familienname entstammt der griechischen Mythologie. Leriope ist die Mutter des Narcis, eben jenes Jünglings, der nach einem Fluch sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte und daran zugrunde geht. Dieser Werdegang ist eigentlich nur zu verstehen, wenn man begreift, dass Narcis bei einer Vergewaltigung gezeugt wurde.
Bertrand heißt Larbaud, seit ich Valery Larbauds „Sämtliche Werke des A.O . Barnabooth“ gelesen habe. Er scheint mir der wahre Enkel eines Mannes, der im Jahre 1913 seine Lyriksammlung mit den Worten zu eröffnen wagt: Blähungen! Blähungen!…
Warum ich Stephan mit einem Namen ausgestattet habe, der in Frankreich zu den zehn häufigsten Familiennamen überhaupt gehört? Hat vielleicht mit der Alltäglichkeit von Sexualdelikten zu tun. Stephan ist niemand besonderes. Er
ist viel normaler und kleinkarierter als Larbaud, auch wenn er sich das nicht eingesteht.

Seite 83: Das Nietzsche-Zitat über das Glück stammt aus dem „Antichristen“, erstes Buch, Kapitel 2

Seite 100: Das Achilleion wurde auf Wunsch der korfubegeisterten Kaiserin Elisabeth von Österreich, bekannter unter dem Kosenamen Sissi, errichtet. Die Sissifilme mit Romy Schneider sind allerdings wenig hilfreich, um zu begreifen, was sich in Elizabeths Kopf abspielen mag. Zuviel Kitsch und Geschichtsklitterung!
1962 wurde das Achilleion an ein Privatunternehmen verpachtet, das das Erdgeschoss zu einem Museum und den ersten Stock zu einem Spielcasino umbaute. Dieses Casino wurde aber glücklicherweise inzwischen in ein Hotel, das Corfu Holiday Palace, auf Korfu verlegt.

Seite 105: Die weiße Frau, die Elizabeth gesehen haben will, tauchte regelmäßig in der Vita der Habsburger auf. Sie kündete mit ihrem Erscheinen jeweils den nahen Tod eines Familienmitglieds an. Auch Elisabeth von Österreich hatte angeblich am 30. August 1898 um Mitternacht von ihrem Balkon in Caux die weiße Frau durch ihren Garten flanieren sehen, einige Tage, bevor der italienische Anarchist Luigi Luccheni sie auf dem Weg zur Fähre erstach.

Seite 108: Elizabeth wird immer konfuser und assoziativer in dem, was sie von sich gibt, ein Zeichen für den Ausbruch ihrer Krankheit. Sie zitiert Hölderlin, einen Leidensgenossen. Spannend ist das, was sie nicht sagt. Das von ihr zitierte Hyperion an Bellarmin fährt fort: „… auch da, auch da finden die süßen Schrecken mich aus, die süßen verwirrenden tötenden Schrecken.“
1621, 1740 und 1866 erschien die weiße Frau dem Kaiserhaus. Elizabeth hat ein gutes Zahlengedächtnis.
Auch die Raben waren Unglücksboten der Habsburger. Es geht die Geschichte, Elisabeth habe zwei Tage vor ihrem Tod auf einem Felsen sitzend Pfirsiche geschält und gerade ihrem Reisebegleiter eine Hälfte angeboten, als ein Rabe gekommen sei und ihr die Frucht mit den Flügeln aus der Hand schlug. Die Reaktion der Kaiserin: »Ich fürchte mich nicht; ich bin Fatalist, was geschehen soll, geschieht.«

Seite 109: „Quand on parle du loupe…“ ist ein französisches Sprichwort, das dem deutschen „Wenn man vom Teufel spricht …“ entspricht. Wörtlich übersetzt heißt es: „Wenn man vom Wolf spricht, zeigt er seinen Schwanz.“. Die Tendenz, Symbole und Sprichwörter allzu wörtlich zu nehmen, wie auch die Manieriertheit der Wortwahl sind Ausdruck einer typischen Denkstörung bei schizophrenen Psychosen.

Seite 120: Wenn Stephan der „Rainbird Pattern“ von Victor Cannings bekannt vorkommt, dann liegt das sicherlich an der Verfilmung von Alfred Hitchcock unter dem Titel „Das Familiengrab”.

Seite 135: Nach einer Schätzung von Groth und Burgess, veröffentlich 1977 im New England Journal of Medicine (s. Literaturliste), erlebt einer von drei Vergewaltigern bei der Tat Erektions- oder Ejakulationsstörungen.
Dies ändert jedoch nichts am Straftatbestand, der bis 1997 in Deutschland unter §178 StGB geregelt und danach in den Vergewaltigungs-§177 StGB integriert wurde. Auch die sexuelle Nötigung ohne vollzogene Penetration ist demnach strafbar.

Seite 182: Meerestiere gelten aufgrund ihres hohen Phosphorgehalts von alters her als natürliche Aphrodisiaka. Isabelle weiß sehr wohl darum, wenn sie »irgendetwas von Phosphor erzählt«.
Das Missverständnis zwischen Larbaud und Stephan lässt sich leicht aufklären: Natürlich stammt Jules und Jim von dem Franzosen Henri-Pierre Roché, der in diesem Roman seine Freundschaft zu dem jüdischen Schriftsteller Franz Hessel aufarbeitet. Wirklich bekannt wurde das 1951 erschienene Buch jedoch erst durch die Verfilmung François Truffauts aus dem Jahre 1962.

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