Beethoven – Fidelio

Beethovens „Fidelio“ kommt eine Schlüsselposition im Roman zu. Denn Bertrand Larbaud ist Beethoven-Fan. Das ist mehr als nur eine Marotte. Ursprünglich ging es mir darum, über die Frage des Musikgeschmacks die beiden Protagonisten des Romans „Das Ende der Leichtigkeit“ gegeneinander schärfer abzugrenzen. Bei den Überarbeitungen fielen dann immer mehr der Passagen, in denen Stephan Brahms hört, weg. Geblieben ist nur jene Passage in Paris, kurz vor dem Regen, in denen Stephan die Symphonie Nr. 1 C-moll auflegt, die von der Stimmung her ganz wunderbar zu der im Buch beschriebenen Situation passt.

Auf Korfu sucht Stephan nach einem passenden Geschenk für den Lebenskünstler Bertrand Larbaud. Schon bei einem früheren Besuch in Korakiana hat Stephan gehört, wie aus Larbauds Haus laut Beethoven zu hören war. Von daher macht er sich im Plattenladen auf die Suche nach einer neue Einspielung und landet bei „Fidelio“.

Diese Passage, in der es um Beethovens einzige Oper geht, zieht sich über fünf Seiten im Roman. Denn wider Erwarten legt Larbaud sein Geschenk sofort auf den Plattenteller – und versinkt mit Stephan, der diese Art kontemplativen Musikhörens nicht gewohnt ist – in die Welt des Gefängnisses von Sevilla. Hier ein kleiner Textausschnitt:

Stephan hatte diese Ausschließlichkeit, mit der Larbaud sich der Musik hingab, noch nie erlebt. Die Intensität, mit der er sich auf die Musik einließ, und die Phantasie, mit der er die Töne für sich in sinnliche Eindrücke umsetzte, verblüfften ihn. Es schien, als könne Larbaud den fauligen Moder des Verlieses riechen, die kühle Nässe der Steinwände fühlen und die flackernden Schatten der Kerze sehen, während Leonore und Rocco gemeinsam hinabstiegen, um das Grab für den unschuldig Gefangenen zu schaufeln.
Larbaud hatte sich von Beethoven mitführen lassen in eine Gegend und eine Zeit, die er nicht kannte, in die er auf anderem Wege nie gelangen würde, eine Zeitreise, ein Abenteuer, mittels eines Plattenspielers und einer Vinylscheibe, sowie der Fähigkeit, sich selbst, das eigene Ich, den gesamten Denkapparat loszulassen, um in seinem Kopf Bilder entstehen zu lassen. Eine Reise, von der Larbaud wie selbstverständlich annahm, Stephan würde ihn begleiten, wäre überhaupt in der Lage, so schnell um-, beziehungsweise abzuschalten.
Früher, als Kind, hatte Stephan diese Fähigkeit besessen. Damals konnte er sich von Karl May und James F. Cooper nach Amerika entführen lassen, sich abends unter der Decke seines Bettes direkt in die Prärie begeben. Später reiste er mit Manfred Hausmanns „Lampioon“ durch Deutschland und mit Proust nach Combray. Doch je älter er wurde, desto seltener gelang es ihm, ganz in jene andere Welten hinabzutauchen, die für seine Autoren so real gewesen waren, und sei es auch nur, wie bei May, in deren eigener Phantasie.
Später gab es die Musicals, die ihn lange Zeit faszinierten: „Oklahoma“, die „West Side Story“, den „Music Man“. Auch dort waren, wie jetzt bei Larbaud, die Lieder mit Bildern untrennbar verknüpft; er sah Barbara Cook am Piano sitzen, sobald er von irgendeinem Klavier der Nachbarschaft das „Good Night, my Someone“ hörte, sah Natalie Wood zwischen den Hochzeitskleidern, die sie verkaufte, tanzen, ein seliges Lächeln auf ihren Lippen, während ihr „I feel pretty“ aus dem Radio ertönte. Aber bei diesen Liedern reproduzierte seine Phantasie lediglich, was seine Augen bereits gesehen hatten.
Hier bei Larbaud passierte etwas Neues: Er hatte den „Fidelio“ nie in der Oper gesehen, wusste nur grob, worum es inhaltlich ging. Aber seine Phantasie wurde durch das Vorbild Larbauds beflügelt. Sie war noch nicht so eingekerkert, dass er nicht jetzt, sei es auch nur, um Larbaud zu begleiten, sich freimachen konnte für Bilder, die allein durch die Kraft der Musik und der Stimmen entstanden. Und so ließ er sich auf dieses Musikerlebnis ein und erfuhr in diesem Haus, in das er seinem eigenen Empfinden nach als Feind, nicht als Freund gekommen war, vom Zauber der Oper, begriff, dass sie sich erst dann wirklich erschließen ließ und ihre Farbe gewann, wenn er ganz in sie eindrang und alles andere Erleben vergaß.

aus: Norbert Krüger, Das Ende der Leichtigkeit, Hassloch: Freunscht Media Verlag 2012, S.156f
 

Beethoven: Fidelio

Ähnlich wie „Das Ende der Leichtigkeit“ erlebte auch „Fidelio“ mehrere Bearbeitungsstufen. Von Beginn an gab es Ärger mit dem Projekt. Beethoven sah in der Oper die Möglichkeit, die gegen jegliche Tyrannei gerichteten Prinzipien der politischen Freiheit, der Gerechtigkeit und der Brüderlichkeit zum Ausdruck zu bringen, wie sie gerade in der französischen Revolution propagiert worden waren.

Das gefiel nicht allen. Die Uraufführung wurden mehrfach verschoben und schließlich sogar verboten. Statt wie geplant in Prag fand die Premiere erst 1805 in Wien statt, nun bereits mit einer überarbeiteten Overtüre. Der Erfolg blieb aus, das Stück wurde um einen Akt gekürzt, gestrafft und metaphorisch überhöht. Vier verschiedene Overtüren probierte Beethoven aus, bis „Fidelio“ 1814 seine endgültige Gestalt annahm.

Erzählt wird die Geschichte Florestans, der von Don Pizarro ins Gefängnis geworfen wird, um ihn mundtot zu machen. Als sich eine Inspektion des Ministers ankündigt, will Pizarro Florestan liquidieren. Der Kerkermeister Rocco wird aufgefordert, Florestans Grab zu schaufeln.

Florestans Frau hat sich indessen als Mann verkleidet ins Gefängnis eingeschleust. Als Pizarro und Florestan zusammentreffen und der Don den Gefangenen erdolchen will, wirft sie sich dazwischen und bedroht Pizarro mit einer Pistole. Ihr Wagemut rettet ihren Mann, denn in der Ferne nähert sich bereits der Minister und Pizarro, aus Angst, sein tun könne auffliegen, entflieht.

Das Ganze ist angereichert mit einer Lovestory, denn die Tochter des Kerkermeisters verliebt sich in den angeblichen Mann, den Leonore verkörpert: Fidelio. Außerdem kann Leonore für die Gefangenen noch so einige Freiheiten heraushandeln, bevor es zum großen Showdown kommt.

Da im Roman explizit von der Aufnahme aus dem Jahr 1989 der Staatskapelle Dresden mit Jessye Norman als Fidelio die Rede ist, hier zunächst ein Ausschnitt aus dieser Aufnahme:

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=nUbUQQUMoO4
 

Mittlerweile gibt es auf Youtube aber auch einige Kompletteinspielungen der einzigen Oper Beethovens. Und da sich Stephan und Bertrand die knapp zwei Stunden Zeit genommen haben, völlig in die Musik einzutauchen und den gesamten „Fidelio“ zu hören, kann ich diese Erfahrung nur jedem ans Herz legen, der ein wenig für klassische Musik übrig hat:

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=eFLfQC3FQQw

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