Juliette Greco: Dans ton lit

Während er unter der Dusche stand, steckte Suzanne die Kassette, die sie ihm mitgebracht hatte, in den Rekorder und zog sich ins Bett zurück. Er fand Hemd, Hose und Strümpfe, die sie säuberlich über eine Stuhllehne gebreitet hatte, und bemerkte, dass sie ihre Unterwäsche noch am Leibe trug. Leicht verwundert legte er sein Badehandtuch neben ihre Sachen, sah sie aufmunternd an und kroch zu ihr unter die Decke. In derselben Sekunde verlöschte das Licht, sie hatte den Schalter im Bücherregal ausfindig gemacht.
Damit entfiel die visuelle Entdeckungsreise durch die neu eroberten Regionen. Ein deutliches Zeichen, das er akzeptierte. Nicht ganz so eindeutig fand er es, dass sie ihren Arm um ihn legte, ihren Kopf in seine Brust grub und durch ein entspanntes Seufzen zu verstehen gab, dass sie gerne bereit wäre, in dieser Haltung bis zum Frühstück zu verharren. Die Geste wirkte im ersten Augenblick sehr romantisch, doch konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihr eigentlicher Sinn darin lag, seine Arme und Hände aktionsunfähig zu machen. Er ergab sich in sein Schicksal und hoffte inständig, ihr selbst werde diese Position im Laufe der Nacht zu unbequem.
Aus den Boxen, die er ums Bett herum stehen hatte, drang eine energiegeladene Frauenstimme. Er hörte ihr eine Weile zu, da er nichts anderes tun zu können glaubte: „J‘ai presque chaud dans ton lit, sous la couverture de laine. Eteins la lampe qui me gêne et viens près de moi t‘en prie …“

aus: Norbert Krüger, Das Ende der Leichtigkeit, Hassloch: Freunscht Media Verlag, 2012, S. 28

Juliette Grecos „Dans ton lit“ ist ein Chanson, das ich für wesentlich für das Verständnis des Verhältnisses Stephan – Suzanne halte. Ich habe es am Ende des obigen Abschnitts zitiert, ohne es dort namentlich zu nennen. Der Roman verfügt aber über einen Anhang, in dem auch solche Zitate ihren Quellen zugewiesen werden.

Das Chanson beschreibt die Ambivalenz, in der Suzanne steckt: Einerseits sucht sie die Nähe zu Stephan und sehnt sich nach ihm, andererseits will sie in Ruhe gelassen werden und hat Angst, von der Situation überfordert zu werden. Ich kenne kaum ein zweites Lied, das diesen Widerspruch so gut zum Ausdruck bringt wie “Dans ton lit” der Greco. Die im Roman zitierten Zeilen aus dem Lied lauten:

„Es ist ziemlich warm in deinem Bett
Unter der Decke aus Wolle
Mach das Licht aus, das mich stört
Und rück nahe zu mir heran, bitte“

Das klingt verführerisch und für Stephan ist damit alles klar, er schaltet seine Ohren auf Durchzug. Schade, denn das Lied endet: „je t’avertis… que si tu me touches, je crie“ (Ich warne dich: wenn du mich anfasst, schreie ich).

Hier das Lied im französischen Original:

Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=lIbS8iEiUBM

Von dem Chanson existiert auch leicht homoerotischen englischen Version von Marc Almond. Bei ihm heißt es dementsprechend „In your bed“ und stammt von seiner CD mit diversen Adaptionen französischer Chansons namens „Absinthe“ (1996):

Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=rBStDGMLN78
 
 

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