Christoph Nerger

Christoph Nerger war über Jahre mein Schüler im Script-Coaching. Sein erster Roman (Arbeitstitel: S7 – Irrfahrt übers Zeitgleis) erscheint voraussichtlich 2013 im Berliner Horlemann Verlag.

Seine durchaus durchwachsene Kritik am „Ende der Leichtigkeit“ hat mir mehrere Dinge bewusst gemacht:

  1. Der Roman „Das Ende der Leichtigkeit“ spielt im Intellektuellen-Milieu. Für Stephan und seine Freunde ist es völlig natürlich, mit Zitaten von Nietzsche, Bloch oder Hegel um sich zu werfen. Für jemanden, dem diese Szene fremd ist, wird auch der Umgang der Protagonisten im Roman artifiziell und unterkühlt wirken. Es ist ein wenig wie bei einem Woody Allen-Film. Die einen lieben ihn, weil er punktgenau die Form der Unterhaltungen widerspiegelt, die im New Yorker Intellektuellen-Milieu alltäglich ist. Andere können mit ihm gar nichts anfangen und ärgern sich sogar über ihn.Jeder Autor kann authentisch nur das beschreiben, was ihn umgibt oder was er wirklich kennt. Bis zu diesem Brief von Christoph kamen die meisten Leserrezensionen von Leuten mit ähnlichem Hintergrund. Erst jetzt wird mir bewusst, dass dieser Roman wahrscheinlich die Leser genauso spalten wird wie Woody Allens Filme.
  2. Christoph pocht auf das Prinzip „Show, don’t tell“. Das ist tatsächlich die Form des Erzählens, die heute von den Verlagen favorisiert wird. „Das Ende der Leichtigkeit“ hingegen ist hochgradig reflexiv. Als ich den Roman schrieb, dachte ich nicht in erster Linie an eine Veröffentlichung, sondern wollte mich vor allem am Thema abarbeiten. Ich wollte einen Roman schaffen, den ich selber gerne lesen würde, eher „Zauberberg“ als „… Zauberkelch“.Das Ergebnis erinnert in seiner Diktion daher viel eher an Böll (der heute sicher auch nicht mehr veröffentlicht würde, wie viele meinen) als an die Standardkandidaten der aktuellen Bestsellerlisten. Ich bin meiner Verlegerin Anja Freunscht dankbar, dass sie trotzdem an den Roman – und seinen Stil – glaubt und ihn so, wie er ist, auf den Markt brachte.

Aber genug der Vorrede.

Hier Christoph Nergers Brief:

Meine Kritik will ich Dir lieber erst mal direkt zukommen lassen. Kannst sie ggf. gern anderwo einfügen.

Hier also meine Kritik zu „Das Ende der Leichtigkeit“:

Die Idee, dass ein junger Mann herausfinden will, warum ein Mann seine (Beinahe-) Freundin vergewaltigt hat, ist originell.

Du hast sehr viele interessante Informationen zu Paris, Korfu und verschiedenen Regisseuren, Autoren und Philosophen recherchiert, bzw. hattest sie bereits in deinem Repertoire. Noch wichtiger waren natürlich auch die Recherchen in Sachen Missbrauch und Täter, wo Du zweifellos genug zur Verarbeitung für einen solchen Roman gesammelt hast (jedenfalls viel gründlicher als ich zunächst bei meinem Projekt recherchierte).

Dass Du Dich gut ausdrücken kannst, wundert mich natürlich nicht mehr.

Dein Einsteig mit den Fotos von Suzanne finde ich gelungen und war angeregt, weiter zu lesen. Ein schöner Cliffhänger findet sich beim handlesenden Griechen, als er Suzanne und Larbaud abwechselnd anstarrt und der Leser natürlich ahnt, was der gesehen hat.

Die Charaktere von Larbaud und Elizabeth haben mich überzeugt.

An vielen Stellen vermisse ich die wörtliche Rede, oder das von Dir ja sonst zu Recht geforderte „Show, don’t tell“. Eins von unendlichen möglichen Beispielen ist die Seite 45:

„Beide aßen, ohne zu reden, ihre Bekanntschaft hatte einen Grad an Nähe erreicht, an dem Worte als Brücke nicht mehr gebraucht wurden. Es gab nichts zu sagen, jede Bemerkung über das gerade Erlebte hätte trivial gewirkt und die beiden aus ihrem Rausch in die Welt der Konvention zurückgerissen und damit die Wirkung, die dieser Ort auf sie ausübte, zerstört.“

In erster Linie erzählst Du, und das in einem sehr analytischen, manchmal philosophisch schwülstigen Stil. Deine Charaktere sind oft seelenlos und die Dialoge zwischen Ihnen und Stefan kalt. Sogar Suzanne analysiert ihre Situation wie eine Therapeutin, spricht viel zu allgemein. Ich hatte oft das Gefühl, da sprechen keine Menschen, sondern tauschen Datenbanken ihr gemeinsames Wissen aus. Dir schien wichtig zu sein, dein gesammeltes Wissen einzubringen, da wäre weniger vielleicht mehr gewesen.

Viele Dialoge sind aufgrund fehlender Emotionen auch unglaubwürdig. Beispiele:

S. 81: Halpern:

„Bist Du Dir im klaren darüber, dass jede dritte Frau so ein Erlebnis hinter sich hat?…“

Wenn Stefan, nachdem er sich Halpern anvertraut hat, eine derartige Reaktion erfährt, müsste er meiner Meinung nach ausrasten. Die angesäuerte Nachfrage, ob Halpern selbst da vielleicht schon aktiv geworden sei, wäre das mindeste. Ganz bestimmt würde Stefan, nachdem Halpern sich doch zur Recherche nach Larbaud erbarmt nicht mit „Du bist ein Engel“, antworten, allenfalls mit einem kühlen oder seufzenden „Danke“.

S. 82:

Das Treffen der coolen Philosophen. Stephan erzählt von Suzannes Vergewaltigung. Immerhin fragt er nach den dürftigen Reaktionen mal nach, ob „Bernie“ vielleicht schon mal vergewaltigt wurde.

Ich verstehe, dass Du kein einfaches Gut-Böse-Schema entwerfen wolltest. Meiner Meinung nach ist dir dabei aber das Gegenteil passiert: Larbaud vergewaltigt, Stephan versucht zu vergewaltigen, Spiro, missbraucht seine Tochter, Halpern und Bernie meinen schulterzuckend, dass doch eh jede dritte Frau vergewaltigt wird, bzw. drei Jahre danach doch mal Ruhe im Karton sein müsste. Sind Deiner Meinung nach alle Männer (potentielle) Vergewaltiger?

Ich denke, dass es gereicht hätte, sich mit Larbauds Charakter auseinanderzusetzen. Er würde seinerseits Stefan mit gezielten Fragen immer wieder in die Enge treiben können, bzw. Stephan würde genug Verhaltensweisen an sich und anderen Männern erkennen können, die ihm zeigen, wo Männer unsensibel gegenüber Frauen sind, sich zu wenige Gedanken machen.
Dass Stephan selbst aktiv wird, macht die Sache reißerisch. Irgendwie hat die Szene auch nicht glaubwürdig auf mich gewirkt. Dass er dann doch nicht kann, erscheint mir wie ein Zurückrudern von Deiner Seite, als wenn Du Dir selbst nicht sicher warst. Stephans männliche Bekannte könnten ihre Äußerungen über Statistiken und Ansichten zum Verhalten missbrauchter Frauen ruhig zum besten geben, dennoch aber auch etwas mehr Mitgefühl gegenüber Stefan zeigen (auch Stephan sich selbst gegenüber, er kommt mir – wie gesagt – entschieden zu cool rüber).

Abschließend würde ich sagen, dass Du einen interessanten, für mich leider an manchen Stellen nicht gelungenen Roman geschrieben hast, der zu Diskussionen anregt.

Lieber Norbert, ich hoffe Du nimmst mir meine ehrliche Kritik nicht krumm und sagst Dir vielleicht: Auch wenn ich vieles an seiner Kritik nicht teile, er hat doch was bei mir gelernt.

Lieben Gruß und vielleicht ja auf bald,

Christoph

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