Elisabeth Marienhagen

Name: Liv
Datum: Mittwoch, 30.03.2011 um 15:35
Kommentar:

Hallo Norbert,

dein Buch ist Anfang letzter Woche glücklich hier angekommen und ich habe es bis zur Vergewaltigungsszene in einem Rutsch durchgelesen.

Danach musste ich erst mal verdauen – nicht weil die Szene brutal ist – das hält sich in Grenzen (ich habe eine viel brutalere geschrieben) – sondern weil die Vergewaltigung mir so, wie soll ich sagen – sinnlos vorgekommen ist.

Mit ein wenig mehr Bemühen, Nettsein und/oder Alkohol und Drogen – zumindest hatte ich beim Lesen den Eindruck – hätte Bertrand Suzanne in sein Bett gekriegt – ohne Gewalt, aber das war sie ihm offensichtlich nicht wert, so meine vorläufige Interpretation – die unmittelbare Triebabfuhr war ihm wichtiger – und dann die seltsame Frage – „Du verstehst mich nicht, simmt’s.“
Sie reizt zum Weiterlesen – denn nein: ich verstehe Bertrand nicht, obwohl die Szene in sich stimmig ist. Hier ist ja der zentrale Anstoß, ohne den dein Buch nicht funktionieren würde, und die Szene passt, auch in der Konsequenz für Suzanne, aber sie gefällt mir nicht.

In der nächsten Szene mutiert Stephan in seiner Empörung schon zu etwas Gewalttätigem (oder potentiell Gewalttätigen), das ihn in eine Richtung lenkt, die sich nicht mehr viel von der Art Bertrands Macht auszuüben unterscheidet.

Ich bin gespannt, wie es weiter geht, ob Stephan am Ende nicht ein Spiegelbild entdeckt, einen Bruder im Geiste, der ihm ähnlicher ist, als er glaubt.

Meine Rezension bis dato – ich hoffe du kannst damit leben:
Norbert Krügers Stil liest sich flüssig und so realistisch, dass man Lust bekommt, die Kaffeetasse auf den Tisch zu knallen und zu erklären: „Ich bin dann mal für einen Kurztrip weg nach Paris respektive Hamburg.“ Der Autor fesselt seine Leser mit originellen Bildern, und es gelingt ihm, mit wenigen Worten Atmosphäre zu schaffen. Gekonnt führt er seine Leser in die Tiefen eines problematischen Themas, lässt ihnen dabei aber genug Raum für eigene Überlegungen und Gedanken. Muss man als Frau in jedem Mann die potentielle Bestie sehen? Treffend schildert er die Schuldzuweisungen und Vorverurteilungen der Gesellschaft, einfühlsam die Verletzlichkeit der Frau und die Folgen, die die ihr angetane sexuelle Gewalt für sie und ihren neuen Partner hat.

Liebe Grüße
Liv

Ihre Mail bezieht sich noch auf die erste Fassung des Romans, die 2002 unter dem Titel „Das dritte Prinzip“ in der éditions ennka erschien.

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