Wolfgang A. Gogolin

Name: Wolfgang A. Gogolin
Homepage: www.goxpower.de
Datum: Freitag, 20 Juni, 2003 um 10:45:51
Kommentar:

Stephan, der bewusst französische Lebenskünstler mit kargem Filmkritiker-Einkommen, lernt die spröde Suzanne kennen und schätzen. Trotz langwieriger Versuche gelingt es ihm kaum, sich der jungen Dame seelisch und körperlich zu nähern. Die wurde nämlich auf einer griechischen Insel vergewaltigt, wie sie nach einiger Zeit erzählt.

Stephans heile Welt samt innerer Sicherheit gerät dadurch ins Wanken, kannte er doch leidende Opfer bislang nur virtuell durch Film oder als gedankliches Konstrukt, nicht im wirklichen Leben. Als moralisch empörter Frauenversteher begibt er sich nach Korfu, um Suzanne zu rächen und die Welt zu heilen, in der der Böse bestraft wird. Die Reise bietet ihm eine Fülle von Möglichkeiten, seine hohen moralischen Anforderungen an Andere mit eigenen Taten und Untaten in Einklang zu bringen. Oder eben auch nicht.

Zu den Stärken des Autors Norbert Krüger gehören die Beschreibungen zwiespältiger Gefühle und pittoresker Örtlichkeiten. Sehr schön und gut nachvollziehbar werden Widersprüche zwischen korrektem Gedankengut und unkorrektem Handeln herausgearbeitet. Der Protagonist spürt den Gegensatz überdeutlich und vermag sich doch nicht zu wehren. Man fühlt, wie ihm seine Vorstellung der Welt und der eigenen Person entgleitet.

Eher schwach sind Passagen, in denen etwas passiert, weil die Aktionen zu offensichtlich als Vehikel für Gedankenkaskaden dienen sollen. So auch die Schilderung der Vergewaltigung selbst – etwas mehr als 5 Sekunden Gegenwehr und die Frage ‚Was ist denn in Dich gefahren ?’ mit unverzüglicher Schicksalsergebenheit hätte es schon sein dürfen.

Das Buch ist umweht vom Charme der 70er Jahre des vergangenen Säkulums, Frauen wurden als die gut handelnden Menschen entdeckt und Männer als Täter mit bösartigen Penetrationsgelüsten.

‚Das dritte Prinzip’ fährt auf dieser Schiene: Wenn Frau bei Mann einzieht oder sich gar unbekleidet zu ihm ins Bett begibt, sind sexuelle Begehrlichkeiten des Kerls natürlich unstatthaft. Frau kann schließlich erwarten, dass ihr Opferstatus erahnt wird und außerdem sind doch alle Männer irgendwie Vergewaltiger.

Stephan, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, hat das so verinnerlicht und hinterfragt Suzannes Vergewaltigung und Verhalten nicht. Das erinnert an frauenbewegte Forderungen, die eine Bestrafung eines Täters auf die bloße Behauptung des Opfers hin verlangten, denn Frauen würden in diesen Angelegenheiten nicht die Unwahrheit sagen. Stephan findet es auch nicht seltsam, dass einer vergewaltigten Frau nichts Besseres einfällt, als sich für eine Mitfahrgelegenheit einen unbekannten Mann auszusuchen …

Die auf den ersten Blick leichte Lektüre hinterlässt den Leser nachdenklich, nicht zuletzt wegen der brachial winkenden Symbole aus Musik und Filmzitaten nach dem Motto: Jetzt lies’ doch mal das Hintergründige zwischen den Zeilen !

Vielleicht steckt ja doch nicht in jedem Manne ein Vergewaltiger, aber ‚Das dritte Prinzip’ regt an, einmal das eigene Verhalten an dem zu messen, was man für gut und böse hält. Eine Lösung fehlt, was mich unbefriedigt gelassen hat. Aber vielleicht sollte man Befriedigung nicht gerade von einem Buch mit der Thematik ‚Vergewaltigung’ erwarten.

Lesenswert

Seine Kritik bezieht sich noch auf die erste Fassung des Romans, die 2002 unter dem Titel „Das dritte Prinzip“ in der éditions ennka erschien.

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