Charakter II: Das dramatische Ziel der Protagonisten

Nachdem das Casting abgeschlossen ist, wird es Zeit, sich bei den Hauptfiguren um die Eckpfeiler ihres Charakters zu kümmern. Für einen Roman bedeutet dies, zunächst das dramatische Ziel der Personen festzulegen. Wohin wollen sie? Was ist ihr Lebenstraum? Und überhaupt: Mit welcher Haltung stehen sie dem Leben gegenüber? Welchen Standpunkt nimmt sie in Bezug auf das Thema des Romans ein? Je früher dies definiert ist, desto leichter lassen sich die Unterschiede zwischen den Protagonisten herausarbeiten – immer unter der Prämisse, dass der Leser zum Schluss das Gefühl bekommt, lebendigen Personen zu begegnen, die in sich rund sind. Leute von nebenan eben.

Die wenigsten Menschen sind wirklich statisch. Jedes Erlebnis verändert sie ein Stück weit. Und gerade bei Romanen scheint mir wichtig, die Leute nicht wie Dummies durch die Gegend laufen zu lassen, sondern den Leser an ihrer allmählichen Veränderung teilhaben zu lassen. Damit dabei nicht alles drunter und drüber läuft, muss mir als Autor aber auch klar sein, in welche Richtung diese Veränderung stattfindet.

Hier meine Überlegungen zu den Protagonisten des „Endes der Leichtigkeit“ – wohlgemerkt entstanden, bevor die ersten Romanzeilen zu Papier gebracht waren:

1. Suzanne: orientiert sich an ihrem eigenen Ideal vom „normal sein“. Da ihr die Realität zu gefährlich ist, zieht sie sich in ihre Arbeiten zurück. Um an der Wirklichkeit zu partizipieren, sammelt sie Klischees. Sie mag, was `in` ist, findet gut, was ihr von Freunden empfohlen wird und reagiert äußert aufgebracht, wenn man versucht, sie zu hinterfragen. Sie ist eine moderne Ekklektizistin im Sinne Beineix.

Dramatisches Ziel:Ihr Ziel ist, zu vergessen und ein normales Leben zu führen. Sie fühlt sich vom Interesse, dass ihr Stephan entgegenbringt, geschmeichelt und integriert ihn in ihren Alltag. Dass sie sich durch Stephan von ihrem Ziel zu vergessen weiter entfernt, weil sie auf die Ereignisse in Korfu zurückgeworfen wird, ist einer der zentralen Konflikte im ersten Teil des Romans.

Standpunkt: Da sie sich an Klischees orientiert, hat sie auch, was Beziehungen angeht, nur Klischees im Kopf und merkt recht bald, dass Stefan nicht der Mann ist, diese Bilder zu erfüllen. Andererseits fehlt ihr die Kraft zu einem Nein, so dass sie immer tiefer in die Beziehung hineinrutscht, solange Stefan der Initiator ist.

Sie ist manipulierbar, da sie sich von der Öffentlichkeit abhängig macht. Sie ist das „Wetterfähnchen“, das BAP besingt. Sie will ein normales Leben führen, ohne zu wissen, was in dieser verrückten Welt normal ist. Vielleicht ist eine Beziehung zu Stefan ihr Ziel. Aber dazu müsste sie einen Entschluss fassen und das kann sie nicht.

Veränderung: In der Begegnung mit Stephan öffnet sie sich langsam der eigenen Erinnerung. Sie beginnt, gegenüber Stephan einen eigenen Standpunkt zu etablieren und sich gegen seine Pläne zur Wehr zu setzen. Schließlich muss sie sich entscheiden zwischen einer Partnerschaft, die sie immer wieder auch mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert und der sichereren Alternative, als Single allein zu leben, als Stein, der alle herannahenden Emotionen an sich abprallen lässt.

Haltung: Suzanne wird bestimmt von einer Melancholie, die hart am Rande einer dauerhaften Depression steht. Meistens fehlt ihr der Mut, aktiv eine Sache anzupacken und wenn sie es doch einmal tut, wird sie von heftigen Zweifeln ob der Erfolgsaussichten angegangen. Sie geht bemüht gerade, um sich ihre gebeugte Lebenseinstellung nicht anmerken zu lassen.

2. Stephan: Stephan lebt in seiner Filmwelt und hat es geschafft, daraus einen Beruf zu machen. Er schreibt Filmkritiken und lebt zum Teil in Frankreich, um für die deutsche Fachpresse die französische Filmszene zu überwachen. Nebenbei schreibt er „Filmromane“ von den fr. Topfilmen, die dann in Deutschland schon vor Filmstart gedruckt werden können. Auf diese Art hat er ein vernünftiges Auskommen.

Dramatisches Ziel: Sein konkretes Ziel ist es, Bertrand zur Rede zu stellen und ihn mit seiner Tat zu konfrontieren. Er will nicht tatenlos sein, während das Böse in dieser Welt sein dreckiges Spiel treibt, denn in seiner Welt hat das Böse keinen Platz.

Standpunkt: Ein bisschen von Louis Armstrong „What a wonderful world“; die Welt wäre eigentlich verdammt nett, wenn wir daraus nicht eine Kloake machen würden. Wenn man etwas wirklich will, dann gibt es auch einen Weg dahin. Außerdem sind die allermeisten Dinge nur eine Frage der Perspektive. (Das ist übrigens auch der Grund, warum er soviel Zeit in Suzanne investiert, obwohl sie ihre Oberflächlichkeit nicht verbirgt)

Er ist ein Bohème, ein Zyniker, der nicht nach mehr trachtet, als er gerade hat.

Veränderung: Aus dem filmreifen „Hoppla, jetzt komm ich“, dem immer auch ein Schuss Melancholie wegen seiner Einsamkeit beigemischt ist, wird jemand, der die Tristesse des Lebens überdeutlich sieht. Während er am Anfang das Böse nur in wenigen anderen sieht, merkt er langsam, dass es überall, eben auch in ihm ist.

Haltung: Stephan ist [krankhaft] positiv, bis er über Suzannes Vergewaltigung stolpert. Er wird mit jeder Situation fertig, hat alles in der Hand. Er geht immer einen Schritt zu schnell und drückt damit aus, dass es in dieser Welt viel zu tun gibt, ohne sich Rechenschaft darüber abzulegen, was das denn konkret sein könnte.

3. Bertrand: Auch Bertrand hat es geschafft, seine Träume zum Lebensinhalt zu erheben. Aber im Gegensatz zu Stephan ist er wesentlich aktiver. Er lebt nicht nur mit dem Kopf, sondern sucht seine Ausdrucksformen und seinen Lebensstil in der Realität. Aber er klammert alles aus, was ihn hinterfragen und seinen Traum stören könnte.

Dramatisches Ziel: Sein Ziel ist es, seine heile Welt, die er sich in Korakiane aufgebaut hat, gegen alle Eindringlinge zu verteidigen. Als Suzanne anders reagiert, als er es sich in seinen Träumen ausmalte, nimmt er sich, was er will, ohne zu begreifen, was er ihr antut. Die Vergewaltigung wird sofort wieder aus seinem Selbstbild gestrichen. Auch Stephan wird zeitweise zur Bedrohung für ihn. Er hat nur die beiden Möglichkeiten, Stephan auf seine Seite zu ziehen, oder ihn schnell wieder los zu werden. Er versucht, ihn einzulullen.

Veränderungen: Bertrand kann sich nicht verändern, ohne dass seine mühsam aufgebaute Scheinwelt zusammenbricht. Er ist nach der Freudschen Definition gesund, d.h. voll arbeitsfähig, daher gibt es für ihn keinen Grund, etwas zu unternehmen. In der Konfrontation mit Stephan passiert aber genau das: Sein eigenes Selbstbild bekommt Risse, die er nun mühsam kitten muss.

Standpunkt: Er mag Leute, wenn sie ihm nicht dumm kommen. Außerdem nimmt er sie nicht ernst, warum sollte er. Er spielt mit ihnen und bastelt so sein überstarkes Selbstbild, indem er sich gedanklich über sie stellt. Er ist ein Kulturpessimist, der alle technischen Neuerungen nur mit Verachtung straft.

Haltung: Bertrand ist positiv, aktiv, kreativ, glücklich, stark, also mit allem Positiven behaftet, was man sich nur denken kann. Sein einziges Problem ist, dass er nur in seiner selbstgebauten Theaterwelt funktioniert. Sobald er mit einer unerwarteten Situation konfrontiert wird, bricht sein Bild zusammen, er ist im existenziellen Sinn ein „Knecht“, ein Objekt, völlig statisch.

weiter mit: „Charaktere III: Lebensläufe

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