Charakter IIIa: Lebenslauf Suzanne

Nach dieser ersten Festlegung der Positionen und Ziele meiner Protagonisten, wurde es Zeit, mich in meine Figuren hineinzuversetzen und sie sozusagen empathisch zu durchleuchten. Wie würden die Figuren ihre eigene Geschichte beschreiben?

A. Suzanne Lériaupe:

Geboren wurde ich 1964 in Etampes, einem kleinen Ort zwischen Paris und Orleans. Mein Vater ist Ingenieur, meine Mutter Hausfrau seit Menschengedenken. Ich habe eine kleine Schwester, vier Jahre jünger als ich selbst, was mich damals, als sie geboren wurde, ziemlich störte, woran ich mich aber schnell gewöhnte.
Vater kam abends erst spät nach Hause, so dass ich von ihm kaum beeinflusst bin. Maman brachte mich früh dazu, Verantwortung im Haushalt zu übernehmen, unter anderem auch auf meine Schwester, Vanessa, aufzupassen. Insgesamt habe ich schnell gelernt, mir Freiräume zu schaffen, so dass Maman, die ja weitgehend allein für meine Erziehung sorgen musste, wohl häufig überfordert war. Aber ich brauchte ein Gegengewicht zur verantwortungsgeladenen Enge meines Zuhauses und schaffte es mir.

In der Schule war ich beliebt, denn ich war ziemlich selbstbewusst, ohne dabei arrogant zu werden. Wir hingen alle ständig zusammen, gingen ins Kino, später auch tanzen. Wir, das sind vor allem Marie-Anne, Sandrine und Paulette, aber häufig auch andere Mädchen, die in unsere Klasse gingen. Etampes ist nicht groß, irgendwie hingen immer alle miteinander zusammen. Ich war vielleicht die extravertierteste von ihnen. Meine Noten waren recht gut, auch wenn ich außerhalb der Schule nicht übermäßig viel tat.

Meine erster große Liebe war Claude. Ich war gerade 15. Er war süß. Ich lernte ihn auf einer Fete kennen, auf die ihn ein Freund mitgebracht hatte. Er wohnte in Maisse, etwa 17 km von uns entfernt. Wir trafen uns bald jeden Tag nach der Schule in einem Cafe. Zuhause ging nicht, weil da Maman war – und Vanessa. Nein, geschlafen haben wir nicht miteinander. Irgendwie ist das in der Kleinstadt auch noch etwas anderes als in Paris. Außerdem war ich zu der Zeit noch ziemlich religiös.

Nein, – lach‘ nicht. Meine Eltern nahmen mich schon früh mit zu einer kleinen evangelikalen Gemeinde in der Stadt. Eine Zeit lang habe ich geglaubt, dort das gefunden zu haben, wonach man sich eben sehnt, wenn man erwachsen wird. Ideale, Ideen, eine Gemeinschaft mit ihrem Zusammengehörigkeitsgefühl. Gott wurde so eine Art Ersatzpapa, der immer da war, mit dem ich reden konnte, wenn ich traurig war und der Zeit für mich hatte.

Ich habe dann gemerkt, dass es ein riesengroßer Unterschied war, von Gott zu reden und zu versuchen, diese Ideale zu leben. Die meisten Gemeindeglieder haben mich diesbezüglich auch schnell enttäuscht. Aber ich konnte diese Vorstellung nicht aufbringen, dass da plötzlich niemand mehr sein sollte. Vielleicht war es Angst vor dem Alleinsein, das mich lange hat dabei bleiben lassen. Gebrochen mit Gott habe ich eigentlich erst auf Korfu, als … – Ich konnte nicht begreifen, warum so etwas geschehen konnte. Ich hatte Gott immer als übergroßes Schutzschild vor mir, der auf mich aufpasste und mich beschützte. Und damals habe ich begriffen, dass wenn es einen Gott gibt, er ziemlich machtlos sein muss in dieser Welt.

Warum ich an Gott festhielt, als Claude da war? Naja, Claude war am Nachmittag da, und manchmal abends, wenn ich mich noch aus dem Haus schmuggeln konnte. Aber man ist allein, sobald man eine Tür hinter sich zuschließt. Diese Angst, niemanden zu haben, die kommt schnell. Und Maman war zwar lieb, aber völlig unselbstständig. Was ich ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraute, wusste mein Vater noch am selben Abend, oft auch andere Leute, mit denen sie sich besprach, den Leuten aus der Gemeinde zum Beispiel. Deswegen war sie nie eine große Vertraute für mich.

Ja, ich bin dann auf die Uni gegangen, mit 19. Mit Claude war da schon längst Schluss, irgendeine dumme Eifersuchtsgeschichte, die mir heute leid tut. Aber Claude war eben eine Jugendromanze, die sich sowieso nicht hätte in die Zukunft retten lassen. Es musste wohl irgendwann so kommen.

In Paris habe ich dann Sprachen studiert. Deutsch. Englisch. Spanisch. Ich wollte unbedingt die Welt kennen lernen und hatte die Vorstellung, so besser an die Menschen heranzukommen.

Zuerst wohnte ich noch zuhause und fuhr jeden Morgen mit der Bahn in die Stadt. Später nahm ich mir dann ein Zimmer zur Untermiete im fünften Arrondisment bei einem Professor und seiner Freundin. Nein, nicht von meinem Fachbereich, dass hätte nichts gebracht.

Wir brachten mit ein paar Studenten eine Fachbereichszeitung heraus. Wir waren sehr engagiert. Nicht, das ich besonders politisch gewesen wäre zu jener Zeit, aber da waren doch diese Ideale von Wahrheit, Rechtschaffenheit und fairem Verhalten, die ich auch am Fachbereich durchsetzten wollte. Und so waren wir bald die zentralen Personen bei uns, die jeder kannte, und zu denen jeder kam.

Es war eigentlich eine schöne Zeit. Wir saßen bis tief in die Nacht zusammen und brüteten unsere Ideen aus, das Zimmer völlig in Zigarettenrauch gehüllt, neben uns die leeren Bierflaschen und auf dem Tisch die neusten Entwürfe für die Zeitung, bald auch Reformvorschläge für den Fachbereich.

Dann kam mein einundzwanzigster Geburtstag. Ich wollte mit Julie, meiner engsten Freundin zusammen nach Griechenland fahren. Sie sprang dann kurz vor Reisebeginn ab, weil sie sich unsterblich in einen Politologen verliebt hatte, lieh mir aber ihren Wagen, weil sonst die Fahrt für mich völlig ins Wasser gefallen wäre. So fuhr ich also allein gen Süden, inspiriert von Durell’s Roman Schwarze Oliven. Ich hatte mir eine kleine gemütliche Pension vorgestellt und war kreuzunglücklich, als ich auf dem touristenüberfüllten Korfu ankam. Ich hatte mir alles so nett und urtümlich vorgestellt und nun wimmelte es von Fremden, die alle Pensionen hoffnungslos überfüllt hatten. Ich hätte heulen können.

Naja, ich nahm also notwendig ein Hotelzimmer in Roda, alle sehr freundlich, aber eben nicht das, was ich wollte. Und dann lernte ich Bertrand Larbaud kennen, einen Boheme ganz eigener Art, der sich in Korakiana niedergelassen hatte und dort ein kleines Haus hatte, an einem Hang mit Blick aufs Meer. Korakiane ist ein kleiner Ort, von dem die Touristen nicht viel Notiz nehmen. Und nachdem ich ein paar mal dort gewesen bin und mich schon völlig in das Haus und wohl auch ein bisschen in ihn verliebt hatte, lud er mich dann ein, in seinem Gästezimmer zu wohnen.

Er war so freundlich, so angenehm und unaufdringlich, dass ich nicht lange überlegt habe, leider. Ich bekam das Gästezimmer und alles lief prima, aber eines Morgens erwachte ich davon, dass er an mir herumgrabbelte. Ich gab ihm zu verstehen, dass ich diese Art vollkommen blöd fände und gern über das Wann und Wie mitentschieden hätte. Da hat er mich vergewaltigt …

Ich bin gleich abgereist und nach Hause gefahren. Bei den Eltern war kein Trost zu holen: Für sie war klar, dass ich sein Angebot nicht hätte wahrnehmen dürfen und ihn somit quasi eingeladen hätte, mich zu benutzen. Sie sagten es nie direkt, aber jeder Blick von Maman schrie es heraus. Die alten Leute aus der Gemeinde waren zum Teil noch schlimmer: Christen werden nicht vergewaltigt, wenn und weil sie unter dem Schirm des Allmächtigen ständen …

Ich bin dann nach Paris gefahren. Die Freundin vom Prof, Marlies, war lieb. Sie war die erste, die mich einfach in den Arm genommen hat, als ich ihr alles erzählte. Aber ich brauchte damals verdammt viel Nähe, mehr als Marlies mir geben konnte. Und Sebastian, der Prof, war irgendwann sauer, weil sie sich so viel um mich gekümmert hat, und hat sie vor die Wahl gestellt. Naja.

Die Leute aus der Clique konnten damit auch nicht richtig umgehen. Anfangs waren sie alle sehr zuvorkommend. Aber nach ein paar Wochen meinten sie, ich müsse mich doch langsam wieder beruhigen. Bloß, ich wurde nicht wieder normal. Für die Zeitung war ich keine große Stütze mehr, und für die Leute, die zu mir kamen, weil sie etwas brauchten, fehlte mir ganz einfach die Kraft.

Deshalb bin ich nach Hamburg gezogen, in der Hoffnung, hier einen neuen Anfang machen zu können, wo mich keiner kennt und keiner etwas von mir will. Nachdem ich die Sprachen fertig hatte, habe ich ein zweites Studium angefangen, weil der Arbeitsmarkt für Übersetzer mehr als dicht ist. Und jetzt bin ich halt hier und studiere Bibliothekswesen.

Ab und zu unternehme ich etwas mit den Leuten vom Fachbereich, aber meistens arbeite ich. Mein Zeitplan ist ziemlich eng, denn ich hoffe, dass je besser ich mich qualifiziere, desto größer die Chancen werden, tatsächlich an eine interessante Arbeit heranzukommen. Zur Zeit jobbe ich als Sekretärin bei einem kleinen Unternehmer. So. Bist du nun zufrieden ?

weiter mit: „Charakter IIIb: Lebenslauf Bertrand

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