Charakter IIIb: Lebenslauf Betrand

B. Bertrand Larbaud – Biographische Notizen

Geboren am 7. 10. 1953 in Toulouse, dem Haupt der Haute-Garonne. Eine Industriestadt mit einem Fluss, der Garonne und einem Kanal, dem Canal du Midi. Wein (Languedoc!) und staatliche Tabakmanufaktur (Gauloises!), katholische Hochschule. Was mich von all dem am meisten beeinflusst hat, kann ich nicht sagen, die Hochschule sicher nicht.

Dem Wein und den Zigaretten bin ich treu geblieben und an manchen Tagen vermisse ich den Kanal ein wenig. Toulouse ist trist und in bestimmten Vierteln von Toulouse aufzuwachsen keine Freude.
Vater war Beamter in der Stadtverwaltung, Mutter Erzieherin. Sie erzogen streng, aber das war normal für uns. Wir waren vier Kinder, alle im Abstand von ungefähr einem Jahr auf die Welt bekommen, bis Justine, meine Mutter keine Lust mehr hatte und sich meinem Vater kategorisch verweigerte, was er an uns ausließ. Er hatte vor allem seinen Ruf und die Nachbarn im Kopf. Die Mädchen, Angelique und Beatrice mussten Klavier lernen, Jean-Baptiste und ich wurden in den katholischen Sportverein gejagt. Später dann Kommunionsunterricht und Kommunion bei einem strengen Pater, der, was Recht und Ordnung anging, ähnliche Erziehungsmethoden benutze wie mein Vater. Vielleicht verstanden die beiden sich deshalb so gut.
Ich war der Älteste des Kleeblatts und hatte deshalb die besondere Aufgabe, die drei anderen im Zaum zu halten, was die zuhause mit Geduld und Augenzwinkern über sich ergehen ließen, auf der Straße aber nur unter Prügelandrohung und etlichen Keilereien akzeptierten. Darin standen übrigens Angelique und Bea in nichts nach. In Toulouse lernt man bald, sich zur Wehr zu setzen, wenn man in der Schule und im Verein ernst genommen werden will.

Ich habe damals viel gelesen, Stevenson und Dickens, später auf dem Gymnasium habe ich dann die Alten entdeckt, Vergil und Dante, die Chansons der Bilitis und Boccachio, Villon, Bruant… Ich habe gemerkt, dass es da noch eine andere Welt geben muss. Zusammen mit Paul, einem Schulfreund aus jener Zeit habe ich die Antiquariate durchstöbert. Wir haben uns Nachmittage lang aus unseren neusten Funden vorgelesen.

Wir haben davon geträumt, wie Bruant ein Cabaret aufzumachen und eigene Lieder zum Besten zu geben. Wir wollten ein Podium werden für all die Liedermacher und Chansoniers, die uns damals faszinierten. Paul kaufte sich von unseren Ersparnissen eine Gitarre und ich fing an, Lieder zu schreiben, die wir gemeinsam vertonten. Es ist nie mehr dabei herausgekommen als ein paar Auftritten bei Schulveranstaltungen, bei denen auch Beatrice am Klavier Chopin vergewaltigte und das Schulorchester halbherzig die Marseillaise intonierte.
Dann kam die Zeit, wo ich Camus und Sartre entdeckte, ich ging damals schon auf die Universität, wo ich nacheinander Philosophie, Literatur und Kunst abbrach. Als es meinen Eltern zu dumm wurde, fing ich bei meinem alten Freund, dem Antiquar an zu arbeiten. Außerdem schrieb ich für unser Lokalblatt das Feuilleton, ein Job, der nicht schwer war, es war nie viel los kulturell gesehen.

Damals fing ich an, Henry Miller zu verschlingen. Dabei sah es mit meinem eigenen Liebesleben eher traurig aus. Ich hatte ab und zu ein Mädchen, aber sie lebten alle zu sehr in ihrer kleinen Welt von Toulouse, als dass ich es bei einer länger ausgehalten hätte. Über Miller kam ich auch auf Lawrence und Korfu, wo ich bald jeden Urlaub verbrachte. Die Leute gefielen mir mit ihrer einfachen Freundlichkeit. Als ich dann die Gelegenheit hatte, mir ein altes halbverfallenes Häuschen in Korakiane zu kaufen und zu restaurieren, habe ich nicht lange gezögert.

Schreiben konnte ich auch da, für den Avghi, eine kleine kommunistische Zeitung. Ich hatte eines Abends zwei Mitarbeiter in einer Taverne kennen gelernt. Ich habe ihnen von Sartre vorgeschwärmt und sie mir mit Solomos gekontert. Wir verstanden uns auf Anhieb. Das Gehalt beim Avghi ist nicht üppig, aber es reicht zum Leben.

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