Charakter IIIc: Lebenslauf Stephan

C. Stephan Gimat – Biographische Notizen

Ich weiß nicht genau, was meinen Vater, einen Ingenieur mit genügend Verstand, um sich ein hübsches Haus im Grünen leisten zu können, und meine Mutter, die von einer Haushaltshilfe zur Verkäuferin aufgestiegen war, dazu brachten, mich am 16. Februar 1962, am Tag der Sturmflut, in Hamburg auf die Welt zu bringen.

Vater hatte einen lukrativen Posten bei einer Hamburger Firma und eigentlich alles, was er brauchte, vielleicht auch ohne mich schon ein bisschen zu viel davon, denn meine Mutter mag eine liebenswerte Frau sein, – zu ihm passte sie wie eine Trompete zu einem Meditationslehrer.

Ich war bereits die zweite Unbesonnenheit diesbezüglich, bereits ein Jahrzehnt zuvor muss es einen sexuellen Kontakt zwischen beiden gegeben haben, der zumindest ihm ein gewisses Vergnügen bereitet hatte. Meine Schwester, Gabi, war nicht unbedingt ein Wunschkind, wie ich später erfuhr. Sie sorgte aber dafür, dass meine eigene Erziehung recht reibungslos verlief: Es kann wohl keinen Schock geben, an den meine Eltern nicht mittlerweile gewohnt waren. Sie war nicht eigentlich aufsässig, es lag einfach an dieser Zeit, in der Kinder mit etwas anderen Anschauungen aufwuchsen als ihre Vorgängergeneration.

Zur Schule ging ich aus innerer Überzeugung, jedenfalls am ersten Tag. An jenem Nachmittag überdachte ich meine Haltung und kam zu dem Schluss, dass mir diese Institution nicht wesentlich würde weiterhelfen können, um mich aufs Leben vorzubereiten. Meine Mutter war da anderer Ansicht und so verbrachte sie einen guten Teil der nächsten dreizehn Jahre damit, sowohl mich als auch meine jeweiligen Lehrer davon zu überzeugen, dass ich eigentlich ein ganz pfiffiges Bürschchen sei. Manchmal kam mir der Verdacht, dass sie insgesamt mehr für mein Abitur getan hat als ich.

Ich begann Philosophie zu studieren, weil ich das für das einzige Fach hielt, von dem sie nichts zu verstehen glaubte. Vielleicht kam auch schon damals mein Hang zur Schreibmaschine durch, eine Liebe, die sich im Laufe der nächsten Jahre mit einer ebenso großen Liebe zum Kino vereinte. Zu diesem Zweck war es sinnvoller, von zuhause auszuziehen, denn es erwies sich als schwierig, meinen Eltern begreiflich zu machen, dass für ein Philosophiestudium die profunde Kenntnis der kinemato­graphischen Entwicklungen unerlässlich sei.

Mein Absprung gelang, jedenfalls teilweise. Es gibt psychologische Bänder, die man auch dann nicht zerreißt, wenn man dies als einzig sinnvolle Möglichkeit zur Selbstentwicklung längst erkannt hat. Dieses Band, das mich am Elternhaus trotz aller Widrigkeiten festhalten ließ, hieß Geld. Nicht, dass ich mir etwas daraus gemacht hätte, aber zu viele Leute um mich herum taten es. Da waren Vermieter, Lebensmittelhändler und nicht zuletzt all die Kinokassierer Hamburgs, die ich mittlerweile namentlich kannte.

Mein Spezialgebiet war der französische Film und hätte ich mein Examen in diesem Fachgebiet machen können, hätte ich vielleicht schon vor dem sechzehnten Semester auf der Straße gesessen. So verschob sich mein Studienplan ein wenig. Ich beschloss, das Beste aus der Situation zu machen und konzipierte meine Examensarbeit zu Walter Benjamins Schrift „Über Haschisch“, das vielleicht nicht sein zentrales Werk war, dank des allgemein anerkannten Rufs des Autoren aber auch nicht vom Professor abgelehnt werden konnte.

Was habe ich in diesem Studium gelernt? Nie eine Frage direkt zu beantworten, wenn sie sich nicht auch mit einer Gegenfrage beantworten ließe; mich nie definitiv festzulegen; und vor allem, gerade dann, wenn ich auf den Tod nicht mehr weiß, wovon ich spreche, meine Ansätze zu systematisieren, kategorisieren und so vom Hundertsten ins Tausendste zu springen, immer in der Hoffnung, irgendwann dabei ein Themengebiet zu streifen, dass ich wieder beherrsche. Mit einem Wort, ich lernte die Hohe Kunst der gebildeten Konversation.

Der andere Effekt meines Studiums war mehr äußerer Natur. Ich lernte, dass ein Philosoph so ziemlich die einzige Person ist, die in der Öffentlichkeit herumlaufen darf wie ein Landstreicher, ohne dabei das Missfallen der Öffentlichkeit zu erregen, als einziges Requisit eine Pfeife benötigend, die vor allem dann, wenn einem nichts mehr zu sagen einfällt, als äußerst hilfreiches Instrument zur Verfügung steht. Wer kann schon Tiefsinniges von sich geben, während er versucht, seine Pfeife neu zu entzünden.

Es war Woody Allen, der mich auf die Idee brachte, mein Geld durch das Schreiben von Filmromanen zu verdienen: wenn ich mich nicht irre, war es im „Stadtneurotiker“, in dem Annie Hall den wertvollen Hinweis gab, dass auf diese Art schnell und einfach Geld zu machen sei. Was sie nicht sagte, war, dass die Verlage irrsinnige Vorstellungen davon haben, bis wann so ein Skript abzuliefern sei.

Ich machte die schmerzliche Erfahrung, als ich von einem für dieses Metier berüchtigten Verlag den Hinweis erhielt, dass sie mein Skript bis spätestens eine Woche vor Filmstart zur Korrektur haben wollten, und das nachdem ich zehn Tage, fast ohne meine Arbeit durch Schlaf oder ähnliche Luxusgüter zu unterbrechen, das Buch zu einem gerade angelaufenen Film ablieferte, der sich zum Kassenschlager der Saison auszumachen schien.

Die Lektorin, die mich mitten in der Nacht aus meinem wohlverdient nachgeholten Schlaf klingelte und am Telefon zur Verzweiflung brachte, machte mir den Vorschlag, zum Schreiben nach Frankreich zu gehen, um dadurch die Möglichkeit zu haben, die deutschen Manuskripte abzuliefern, bevor hier die Synchronisations­arbeiten beendet wären.

Man kann also sagen, dass mich ein frischer Wind gen Frankreich, zurück in die Heimat meiner männlichen Vorfahren, trieb, unterstützt durch meinen skeptischen, doch hoffnungsfrohen Vater, der sämtliche alte Bekannte mobilisierte, um mich aus seiner Nähe und seinem Geldbeutel zu eliminieren. Es war dann folgerichtig ein alter Jugendfreund von ihm, der mir in Paris eine billige Bleibe zur Untermiete besorgte. So begann mein Start in die Unabhängigkeit. Es dauerte noch ein Jahr, 142 Filme und sieben tatsächlich angenommene Manuskripte unter den blödsinnigsten Pseudonymen, bis ich mir meine eigene Wohnung am Montmartre leisten konnte.

Nebenbei arbeitete ich für etliche Filmzeitschriften, mit denen ich kontaktiert hatte und die mir den Zugang zu etlichen Previewen sicherten und nebenbei für das einzig verlässliche Einkommen in jener Zeit sorgten.

Ich brauche nicht weiter zu erwähnen, dass mein Reservoir an sozialen Kontakten damals ein wenig unter meiner Beschäftigung litt. Mein bester Freund wurde Réné, der Barmann an der Eckkneipe, die ich immer dann besuchte, wenn mir weder nach Zelluloid noch nach Reiseschreibmaschine zumute war. Nicht, dass ich wie einige meiner erfahreneren Kollegen zum Alkoholiker geworden wäre. Mein Vorbild orientierte sich an Raymond Chandler, der, soweit ich weiß, fast ohne einen Tropfen auskam, – außer vielleicht montags bis sonntags.

Wenn ich es mir recht überlege, ging alles verteufelt glatt bis zu diesem Zeitpunkt. Das war nicht unbedingt mein Verdienst, denn ich stand bis vor einem Jahr noch unter der nahezu omnipotenten Protektion meiner Gebährer, so dass ich genügend Energien zur Verfügung hatte, um meinen eigenen Start in die Bohème abzusichern. Alles in allem war es Zeit für den ersten großen Einbruch in meinem Leben. Also verliebte ich mich in Suzanne.

weiter mit: „Die Vorgeschichte

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