Das Vier-Seiten-Treatment

Nachdem diese Vorüberlegungen zu ihrem Ziel gekommen waren, wurde es Zeit, die Geschichte ein wenig mit Fleisch zu füllen. Was folgte, war ein etwa vier Seiten langes Treatment, gehalten wie ein Film. Den Vorgang, der zu diesem Treatment führt, bezeichne ich als „inneren Film“. Ich sehe die Handlung vor mir und beschreibe sie, wie ich einen Film beschreiben würde:


Vier-Seiten-Treatment


Erste Szene: Später Nachmittag. Herbst. Stefan sitzt an einem Wohnzimmertisch, vor sich ausgebreitet eine Reihe von losen Photos und mehreren Alben. Man sieht, wie er nachdenklich verschiedene Bilder in die Hand nimmt und betrachtet. Die Kamara fährt über die einzelnen Bilder, auf allen dieselbe Person: Suzanne, Bilder aus sehr verschiedenen Jahren: Suzanne vor einem Regal, Suzanne am Schreibtisch, eingekeilt in Bücher, Suzanne am Strand.

Schon aus den Bildern muss deutlich werden, dass es irgendwann einen Bruch in ihrem Leben gegeben hat. Während sie auf den frühen Bildern mit der Kamera kokettiert, zeigt sie sich später kaum noch lachend, sondern ernst, verschlossen und langweilig.

Stefan grübelt über diesen Bildern. Man sieht, dass ihm irgendetwas nicht gefällt. Er hält zwei Bilder, ein frühes und ein spätes nebeneinander.

Am Ufer der Seine: Stefan denkt zurück daran, wie er Suzanne kennen gelernt hat. Er denkt an die Fahrt nach Paris, auf der er sie als Anhalterin mitgenommen hat. Obwohl die Fahrt eher eintönig war, reizte ihn eine kleine Geste von ihr im Auto so sehr, dass er „ihr Geheimnis“ ergründen will. Er findet sie zufällig am Ufer der Seine wieder, wo sie bei einem Bouquinisten nach Lesestoff stöbert. Er lädt sie auf einen Kaffee ein und sie setzen sich an die Seine. Ohne dass sie über Oberflächlichkeiten hinauskämen, beschließen sie sich wiederzusehen.

Sie setzen ihre Treffen auch in Hamburg wieder fort, ohne das Stephan zunächst mehr von Suzanne kennt als ihr Telefonnummer. Meist treffen sie sich in der Stadt, gelegentlich auch tagsüber bei ihm, aber erst nach geraumer Zeit kommt es zum ersten Abend bei ihm, der mit einer gemeinsamen Nacht endet.

Doch die Nacht verläuft für Stephan anders als erwartet. Suzanne, die ihm am Abend eine Aufnahme von Juliette Grecos „Dans ton lit“ geschenkt hatte, will nur nicht allein sein, und versteht es, sich Stephan vom Leib zu halten. Stephan ist verärgert und verzieht sich grollend in die Küche. Als Suzanne dazu stößt, kommt es zu einem ersten Krach. Er hält ihr ihr unverständliches Verhalten vor. Suzanne fühlt sich analysiert und verschwindet.

Am Abend, nachdem er einen ausgiebigen Spaziergang gemacht hat, um Klarheit über sich und seine Beziehung zu ihr zu bekommen, ruft er sie an, um sich zu entschuldigen. Sie verabredet sich für das nächste Wochenende mit ihm, zum ersten Mal bei ihr zuhause.

Erster Plot Point: Suzanne wohnt in einer Mansarde in Harburg, mit Blick über die Dächer der Stadt. Ihre Wohnung ist spartanisch-funktional eingerichtet. Im einen Zimmer dominiert ein Schreibtisch, daneben ein Regal mit Fachliteratur, Lexika und ein paar Klassiker, sowie ihr Bett. Das zweite Zimmer ist eine recht gemütliche Wohnküche mit großem Holztisch. An der (schrägen) Wand hängt das Filmposter „Out of Africa“. Auf dem Tisch eine Kerze in einer alten Chianti-Flasche… Ebenfalls im Schlafzimmer ihr Plattenspieler. (Nur Top-Ten-Scheiben des Jahrgangs).

Stephan kommt abends. Suzanne hat ein Abendessen fertiggemacht, und nachdem Stephan kurz die Wohnung besichtigt hat, sitzen beide in der Küche und schaufeln das Essen in sich rein, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. Eine gewisse Spannung liegt in der Luft, die von beiden als unangenehm empfunden wird.

Um irgendetwas zu sagen, bringt Stephan das Gespräch auf irgendein am Rand religiös besetztes Thema (Film: Jesus von Montreal, Bergman-Retrospektive im Metropolis o.ä.). Suzanne erzählt, dass sie nicht mehr an Gott glaubt, erzählt von ihrer religiösen Sozialisation. An diesem Punkt bricht sie aus und erzählt von Korfu, von ihrer Vergewaltigung und ihre Verzweifelung über einen Gott, der solches zulässt.

Der zweite Akt erzählt die Geschichte von Stephans Veränderung. Hier wird klar, dass Stephan an die Möglichkeiten einer heilen Welt glaubt, die nur durch ein paar böse Einzelgänger gestört wird. Er manifestiert das Böse an Bertrand Larbaud, den Vergewaltiger Suzannes und beschließt ihn umzubringen, um so das Unrecht zu sühnen. Aus dem weltflüchtigen Kinofreund wird durch das an der „schutzlosen Freundin“ begangene Unrecht ein kalkulierender Mörder, der auf die Suche nach dem Täter geht.

In seiner ersten Wut ob des Gehörten tigert er durch die Straßen Altonas und beginnt, den Autos die Scheiben einzuschlagen, die einen Playboy-Aufkleber, – für ihn Symbol der frauenverachtenden Welt -, an ihrer Heckscheibe kleben haben. Ein Autobesitzer verfolgt ihn und nur mittels eines jungen Türken, Kader (türk.: Schicksal), gelingt ihm die Flucht über die Dächer des Werkhofs ins Osterkirchenviertel. Kader erzählt er seine Sorgen. Der ist es, der ihm Mut macht, nicht gegen eine autonome Masse anzukämpfen und die Welt verändern zu wollen, sondern die direkte Konfrontation mit dem damaligen Täter zu suchen.

Sein erstes Problem ist es, genug Informationen über Bertrand aus Suzanne herauszubekommen, um ihn auf Korfu finden zu können. Da sie selbst sich wieder verschließt, fragt er ihre Freunde aus und durchsucht schließlich ihre Wohnung, auf der Suche nach Photos oder ähnlichem Material, das ihm helfen könnte. Schließlich findet er ihr Tagebuch mit Aufzeichnungen aus Korfu.

Er fährt nach Korfu und findet recht schnell das gesuchte Dorf und Bertrand, der eine allseits bekannte Persönlichkeit dort ist. Unter dem Vorwand, einen Reiseführer zu suchen, nimmt er Kontakt mit ihm auf. Sein Ziel ist es, Bertrands Vertrauen zu gewinnen, um so leichter einen Plan ausarbeiten zu können. Das Projekt gestaltet sich schwieriger als erwartet. Da Bertrand die Touristen nicht mag, die seine Insel überschwemmen, sondern sie nur verächtlich an der Nase herumführt, entfremdet sich ihm Stephan eher, als dass er ihn für sich gewinnt. Nur langsam kann er Bertrand für sich einnehmen.

Als nächstes gilt es einen fähigen Mordplan auszuhecken. Er versucht eine Waffe aufzutreiben, merkt aber bald, dass er als fremder Freund Larbauds schon zu bekannt ist, um ihn direkt umbringen und dann verschwinden zu können. Darum beschließt er endlich, einen Autounfall vorzutäuschen und den Toyota Bertrands zu manipulieren. In der Stadtbibliothek von Kerkyra besorgt er sich das Material über die Reparaturen von Autos, um herauszufinden, was er am geschicktesten tun kann.

Zweiter Plot Point: Bertrand und der schon gar nicht mehr so sichere Stephan fahren gemeinsam auf den Pantokrator. Dort will Stephan das Bremsseil lockern und Bertrand allein den Berg hinunterfahren lassen, unter dem Vorwand, ein wenig Zeit zum Nachdenken zu brauchen.

Stephan kommt auf Suzanne zu sprechen, sicher, dass Bertrand darauf mit Bestürzung reagieren würde. Doch Bertrand erinnert sich an Suzanne fast wehmütig und vor allem ohne Reue. Indem er seine Sicht der damaligen Ereignisse schildert, verunsichert er Stephan völlig und lässt ihn seinen Plan erst einmal verschieben. Bertrand ist sich völlig bewusst, dass seine eigene Reaktion damals „unglücklich“ war, doch sieht er in sich keinen Vergewaltiger und in der Situation auch keine Vergewaltigung.

In der Unterhaltung merkt Stephan, dass er fast dieselbe Situation, die zur Vergewaltigung geführt hat, damals in jener ersten gemeinsamen Nacht auch erlebt hat. Für ihn kann Bertrand nicht länger der Feind sein, da er mit ihm auch sich töten müsste.

Der dritte Akt: Auch dieser dritte Akt ist natürlich vorstrukturiert worden. Doch um den zukünftigen Lesern nicht endgültig die Spannung zu nehmen, verzichte ich hier auf die Beschreibung.

weiter mit: „Thema und Charakter: Narzissmus“

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