Die Vorgeschichte

Ein letzter Trick vor dem eigentlichen Beginn des Romans: Der Autor sollte sich klar machen, in welcher Stimmung sich der Protagonist befindet, wenn die Handlung beginnt. Was ist also geschehen am Tag, in der Woche, bevor die Handlung einsetzt. Wie lebt der Protagonist sein Leben? Was ficht ihn an? Wie gestaltet er seinen Alltag?

Sich darüber rechtzeitig Gedanken zu machen, hat den Vorteil, dass ich als Autor nicht mit einem weißen Blatt beginne. Wie geht es dem Protagonisten? In welcher emotionalen Verfassung befindet er sich? Was ich damals, als ich mich an diese Aufgabe setzte, noch nicht begriff: Erst in dem Augenblick, wo bereits vor Beginn der Romanhandlung ein Konflikt das Leben des Helden durcheinander bringt, macht es wirklich Sinn, eine Vorgeschichte zu entwerfen. Denn dann befindet sich der Protagonist bereits „in Fahrt“, wirft im besten Fall bereits mit dem ersten Satz des Romans Fragen auf und steht eben nicht auf „Stand by“, was in der Regel fade wirkt und nicht zum Weiterlesen animiert. Der Leser will in die Spannung mit hineingenommen werden, nicht in den Kleinkram, der den Alltag ausmacht.

Im Fall des „Endes der Leichtigkeit“ sieht die Vorgeschichte etwa so aus (hier noch in der frühen ersten Erzählperson):

Die Vorgeschichte

Freitagnachmittag. Ich habe die letzten Seiten der letzten Fassung einer wilden Story um Sophie Marceau in die Maschine getippt. Jetzt ist erst einmal Ruhe, bis ich vom Verlag die Korrekturbögen wiederbekomme. Das heißt, wenn die Geschichte überhaupt genommen wird, wenn sich ein deutscher Filmverlag um die Verleihrechte bewirbt und der Film tatsächlich in die Kinos kommt. Was nutzt das beste Skript, wenn zu viele andere gute Filme den Markt überschwemmen und „meiner“ dabei hinten runter fällt.

Wieder war ein Filmbuch fertig und mir blieb nur, einen netten Begleitbrief an meinen Verleger zu tippen mit Bitte um freundliche Stellungnahme und die dazugehörigen Vertragspapiere. Als auch das erledigt war, stand ich etwas ratlos in meiner Wohnung. Ich ging zu meinem Plattenstapel und wühlte ein wenig darin herum, ohne mich doch recht für irgendeine Aufnahme entscheiden zu können. Dann ging ich zum Telefon und rief ein paar alte Freunde an, die mir trotz meines vollen Arbeitsplans noch die Stange hielten: Jan, mit dem ich mich für den Samstagabend verabredete, und Edmund, der am Sonntagnachmittag vorbeikommen wollte.
Dann mußte ich mich noch bei der Mitfahrzentrale um einen Beifahrer bemühen. Ich bekam eine Telefonnummer und hatte dann eine junge Französin am Apparat, mit der ich mich für Montagmorgen am Bahnhof Altona verabredete.

Ich beschloss, an die Elbe zu gehen, um meinem Drang nach Motorik nachzukommen und meine restlichen Energien zu verbraten. Oft hilft mir so ein ausgedehnter Vier-Stunden-Spaziergang, um von der Arbeit abzuschalten und für etwas Neues frei zu werden. Ich ging also runter nach Övelgönne und versenkte mich in das gleichmäßige Plätschern der Wellen an den Elbstrand. Es tat mir gut, mich von diesem gleichmäßigen Geräusch einlullen zu lassen. Der für hamburgische Verhältnisse normale kühle Wind wehte mir entgegen und stemmte sich gegen mich. Ich genoss ihn, ohne an etwas Bestimmtes zu denken.

Langsam schlenderte ich die Elbe abwärts bis zum Fähranleger Teufelsbrück, ging dann in den Jenisch-Park, einen alten Elbniederungenpark, der im vorigen Jahrhundert nach englischen Vorbildern angelegt war, hinauf zum Bahnhof Klein-Flottbek und fuhr von dort zurück nach Altona. Zuhause machte ich mir einen starken Pharisäer, was ich so ziemlich immer tue, wenn ich mich nach einem langen Spaziergang wieder aufwärmen will. Ich fühlte mich rundum wohl. Um vollends zu relaxen, legte ich noch die c-moll-Sinfonie von Brahms auf den Plattenteller und tauchte in die melancholischen Bilder des Adagio-Allegro.

Nun war ich reif, meinen Abend zu planen. Ich schaute in den Stadtkalender, fand aber nichts, was mich wirklich gereizt hätte. Also beschloss ich, einen Abend vor dem Video-Gerät zu verbringen. Nach einem kurzen Blick nach innen, der mir sagen sollte, auf welchen Film ich Lust hätte, entschied ich mich für einen alten Claude Miller, den zu sehen ich bis dato nicht gekommen war. Ich rief also nacheinander sämtliche Videotheken Hamburgs an, bis ich in Eppendorf eine fand, die den Film tatsächlich hatte und fuhr hinüber…
Samstag schlief ich aus, was bei mir etwa halb eins bedeutet. Ich ging schnell noch etwas einkaufen, um nicht das Wochenende ohne Lebensmittel dazustehen. Der Nachmittag ging dann für das Herstellen einer Lasagne drauf. Meine Lasagnen sind weltberühmt, da ich mich nicht damit begnüge, wirklich alles von den Nudeln bis zu den verschiedenen Soßen herzustellen, sondern die Zusammenstellung der einzelnen Ingredienzen so perfektioniert habe, dass damit einfach keine Restaurantversion mithalten kann. Aber das dauert eben seine Zeit, so dass ich erst fertig mit den Vorbereitungen war, als Jan vor der Tür stand.
Wir aßen uns dick und rund, was heißt, wir aßen die ganze Form leer, die normalerweise auch vier Leute gut ernähren würde. Für mich das einzig gültige Kompliment, was meine Kochkünste angeht. Es folgte ein langer Abend bei Rotwein und Backgammon, der in eine lange Nacht mündete. Gegen vier Uhr morgens, als die Weinvorräte gelehrt und unser Punktestand die Tausendergrenze erreicht hatte, beschlossen wir, für heute Schluss zu machen und ich versprach, mich zu melden, sobald ich wieder in Hamburg sei.

Der Sonntag verging ebenso geruhsam. Nach dem späten Aufstehen suchte ich mir aus dem Stadtkalender einen Flohmarkt in der Nähe und schlenderte zwei Stunden zwischen den Ständen herum, auf der Suche nach interessanter Lektüre oder anderen Dingen, die ich spontan für besitzenswert hielt. Ich erstand auf diese Art eine weitere Pfeife, eine Elfer Bruyere, die gut in der Hand lag.

Eddy war hektisch wie immer. Wir gingen gemeinsam zum Bahnhof, denn er ist Eisenbahnfetischist. Ich wollte auf diese Art mein Fachterminologierepertoire erweitern, denn die Eisenbahn ist ein beliebter Handlungsort für Filme. So lernte ich die einzelnen Arten von Hochspannungsleitungen zu benennen, den Kästen, denen ich bis dahin kaum Bedeutung zugemessen hatte, Namen zu geben.

Den Abend brauchte ich zum Packen, denn ich wollte am Montag in aller Frühe losfahren. So suchte ich mir den Kram zusammen, den man den Frühling über in Paris brauchen könnte, packte noch einen Stapel Papier dazu und ein neues Farbband und begab mich mit Capotes Frühstück bei Tiffany ins Bett.

Wie gesagt: Inzwischen habe ich begriffen, dass ein Konflikt notwendige Voraussetzung auch in der Vorgeschichte, nicht nur im Roman selber, ist. Mein Held Stephan begibt sich aufgrund seiner Vorgeschichte relativ entspannt und ausgeruht auf die Reise nach Paris. Zwar habe ich ihn in meinem Kopf – denn im Roman selbst hat die Vorgeschichte nichts zu suchen – bereits in seiner normalen Welt etabliert: mit seiner Arbeit, seinen Freunden und einigen seiner Vorlieben. Das half jedoch nicht, dem Beginn eine größere Dynamik zu verleihen, da ich nun gezwungen war, den ersten Konflikt zu Beginn des ersten Kapitels zu etablieren. Dadurch nahm ich mir die Chance, Suzanne zunächst positiv einzuführen: Da Stephan aus seiner Backstory keinen Konflikt mitbrachte, musste er sich notwendigerweise an Suzanne reiben. Was zur Folge hatte, dass ich von verschiedenen Lesern die Rückmeldung erhielt, sie seien mit ihr nie wirklich warm geworden. Die Sache mit dem ersten Eindruck …

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