Nachjustierung

Relativ schnell wurde mir klar, dass die Drei-Akt-Struktur, mit der ich die Arbeit begonnen hatte, für die komplexe Geschichte, die ich erzählen wollte, nicht ausreicht. Ich probierte dann ein fünfteiliges Schema aus:

In Teil 1 werden Stephan, der Ich-Erzähler, und Suzanne vorgestellt. Zunächst von außen wird hier gezeigt, wie unauffällig (zumindest für Männer) sich Opfer von Vergewaltigungen in den Alltag re-integrieren können. Stephan bemerkt, dass Suzanne ein Geheimnis hat, tappt aber über die Hintergründe völlig im Dunkeln.

Teil 2 klärt gleichzeitig Stephan und die LeserInnen auf: Indem sie in die Situation auf Korfu hineingenommen werden, merken sie, dass Suzanne sich nicht leichtfertig einer Situation ausgesetzt hat, die notwendig zur Vergewaltigung führte. Dieser Teil ist aus der Sicht Suzannes, jedoch in der 3. Person, geschrieben. Die Sicht Bertrands wird bewusst noch außen vor gelassen.

Im 3. Teil erfährt Stephan an sich selbst, wie es zu einer Tat kommen kann, er erfährt seine eigene Ohnmacht gegenüber einer Frau, die er sexuell begehrt, Elizabeth, merkt, wie er ihre situative Hilflosigkeit ausnutzt und bekommt so zur Tat Bertrands ein neues Verhältnis, ohne es gutheißen zu können oder zu wollen.

Über die Sicht Bertrands zu dem Verbrechen an Suzanne wird der 4. Teil versuchen aufzuklären. In der Begegnung zwischen beiden Männern kommt es zum Austausch über dieses Thema, Stephan und die LeserInnen lernen Bertrands Sicht der Ereignisse kennen.

Im 5. Teil endlich geht es um die Verarbeitung der Geschehnisse bei Suzanne. Ihre Versuche, sich zu artikulieren, ihr Sich-Zurückziehen in einen sozialen Aktivismus, der von ihren eigenen Problemen ablenken soll, schließlich ihre zögernden Schritte zur Bewältigung werden in Tagebuchauszügen beschrieben.

Die hier beschriebene Struktur hat sich im Wesentlichen gehalten, auch wenn bei der Arbeit am Roman klar wurde, dass der fünfte Teil, so wie er ursprünglich geplant war, sich von der Dramaturgie her nicht ans Ende stellen ließe. So wurden Teile des ursprünglich fünften Kapitels in Kap. 1 und 3 übernommen.

Die zweite Änderung war das Umschwenken auf ein siebenteiliges Konzept. Sieben Kapitel mit jeweils sieben Abschnitten, davon vier in fast identischer Länge, die anderen drei genau halb so lang. Diese Entwicklung zeichnete sich erst allmählich ab, wurde dann aber von mir konsequent weiterverfolgt. Dahinter steckt keine Zahlensymbolik. Um in einem Roman mit einer klaren Mitte zu arbeiten, braucht es eine ungerade Zahl an Kapiteln. Als ich merkte, dass meine fünf Kapitel nicht in der Lage waren, den Stoff zu tragen, war die sieben die nächstmögliche Alternative. Damit das Tempo dabei nicht auf der Strecke blieb, entschied ich mich dafür, wenigstens die Länge der Kapitel zu variieren.

Aber das sind Äußerlichkeiten, die eher in späteren Bearbeitungsstufen eines Romans eine Rolle spielen.

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