Thema und Charakter: Narzissmus

In „Das Ende der Leichtigkeit“ verknüpfe ich zwei Themen miteinander, zum einen das Thema der – hier erstrangig sexuellen – Gewalt, zum anderen das der Realitätsflucht durch narzisstische Objektverschiebung. (Mehr zu den Themen s. a. im Interview)

Die vier Hauptakteure stehen für die verschiedenen Ausprägungen dieser Verschiebung. Das klingt komplizierter, als es ist. Jeder Roman lebt von der Spannung zwischen seinen Charakteren. Als Autor gilt es also, die Hauptfiguren so zu konzipieren, dass sie möglichst unterschiedlich in Bezug auf das Thema des Romans sind. Von daher war die folgende Aufteilung nahezu zwangsläufig:

Stephan, dessen Selbstwertgefühl in der Kindheit durch omnipotent erscheinende Eltern stark gestört wurde, zieht sich in die Traumwelt des Films zurück, um möglichst wenig mit der Realität konfrontiert zu werden.

Suzanne, Opfer einer Vergewaltigung, versucht sich durch Anpassung an die Normen der Zeit unauffällig zu machen. Um an der Wirklichkeit zu partizipieren, sammelt sie Klischees, mag, was „in“ ist, findet gut, was ihr von Freunden empfohlen wird und reagiert äußerst aufgebracht, wenn man versucht, sie zu hinterfragen. Sie ist eine moderne Eklektizistin im Sinne Beineix.

Bertrand, der Vergewaltiger Suzannes, hat es geschafft, seine Träume zum Lebensinhalt zu erheben, ist aber wesentlich aktiver als Stephan: Er lebt nicht nur im Kopf, sondern sucht seine Ausdrucksformen und seinen Lebensstil in der Realität. Aber wie Suzanne klammert er alles aus, was ihn hinterfragen und seinen Traum zerstören könnte.

Die einzige im klassisch-freudschen Sinn Kranke der Erzählung ist Elisabeth. Ihre Weltflucht geht so weit, dass sie sich ein omnipotentes Größenselbst erdichtet, ein Leben als „Sissi“, der österreichischen Kaiserin, was nur deshalb funktioniert, weil ihr Vater als Hausmeister im Achilleion, dem 1890/91 erbauten Schloss auf Korfu, arbeitet.

Als Schaubild würde die Aufteilung der Charaktere ungefähr so aussehen:

Selbstobjekt/real
(Gesellschaft)
Suzanne
Größenselbst/real
(Romantik-Sucht)
Bertrand
Größenselbst/irreal
(Schizophrenie)
Elizabeth
Selbstobjekt/irreal
(Kino)
Stephan

weiter mit: „Nachjustierung

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